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Nela - und der weiße Falke

von: Yngra Wieland

Franzius Verlag, 2016

ISBN: 9783945509890 , 210 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 4,99 EUR

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Nela - und der weiße Falke


 

1. Kapitel: Der weiße Falke


 

„Ich habe überhaupt keine Lust, nach Hause zu gehen!“ Nela schwenkte unternehmungslustig ihre Schultasche. „Kommst du noch mit in den Englischen Garten?“ Jannis überlegte kurz und nickte. „Zuhause wartet niemand auf mich und für morgen muss ich nichts lernen. Die Hausaufgaben habe ich in der Freistunde erledigt und Training fällt heute aus, also spricht nichts dagegen!“

 

Nela sah ihn kopfschüttelnd an. Wie konnte man nur so pflichtbewusst sein! Obwohl, ein Scheibchen davon könnte sie sich abschneiden. Jannis grinste. „Hast du Lust auf ein Eis? Ich lade dich ein, ich habe noch einen Gutschein von meinem Geburtstag.“

„Mega!“ Nela strahlte. Jannis wusste, dass sie für Eis alles stehen und liegen ließ.

 

Sie reihten sich in das betriebsame Gewimmel auf der Leopoldstraße ein und steuerten die Eisdiele an. Jannis zog den leicht verknitterten Gutschein aus seiner Schultasche. Nela musste nicht lange überlegen. „Zwei Kugeln Vanille in der Waffel, bitte!“ Sie schüttelte ihre wild-wuscheligen Locken aus dem Gesicht und nahm ihr Lieblingseis entgegen. Jannis entschied sich für Schokolade.

 

Während sie genüsslich ihr Eis schleckten, schlenderten sie auf den Park zu. Der Julitag war heiß und die Sommerferien rückten in verheißungsvolle Nähe.

 

Nela versuchte, ihre Sorgen für einen Augenblick zu vergessen. In letzter Zeit war sie unruhig und verwirrt. Ihre Noten wurden immer schlechter, obwohl sie wirklich versuchte zu lernen und regelmäßig zur Mathe-Nachhilfe ging. Nachts quälten sie verrückte Träume. Jede Nacht rief jemand ihren Namen, morgens wachte sie mit einem merkwürdigen Gefühl auf und konnte sich in der Schule nicht konzentrieren. Inzwischen war sie so frustriert, dass sie überhaupt keine Lust mehr hatte, ihre Nase in ein Buch zu stecken. Es nutzte ohnehin nichts. Vielleicht war das Gymnasium zu schwierig für sie. Sie kickte nach einer leeren Dose und verzog verdrießlich das Gesicht. Jannis warf ihr einen fragenden Blick zu.

 

Unvermittelt blieb Nela stehen. „Wie machst du das bloß, dass du immer gute Noten hast? Nie vergisst du etwas und dabei lernst du kaum! Ich verstehe das nicht, es ist ungerecht!“

 

Jannis zuckte mit den Schultern und versuchte, sein schmelzendes Eis unter Kontrolle zu bekommen. „Keine Ahnung. Es fällt mir leicht und ich lerne gerne neue Dinge. Wenn ich Fußballer werden will, brauche ich auf jeden Fall auch noch einen Beruf, in dem ich später arbeite, wenn ich nicht mehr spielen kann. Wenn ich auf das Sportgymnasium gehen will, muss ich supergute Noten haben, sonst nehmen die mich nicht. Aber das geht sowieso nur, wenn es meine Eltern erlauben.“

 

Er suchte nach tröstenden Worten für Nela. „Vielleicht geht es dir nach den Ferien wieder besser, wenn du dich erholt hast. Wohin fahrt ihr denn eigentlich in den Urlaub?“

 

Sie überquerten die Straße und bogen in einen schmalen Weg ein, der zu ihrem Lieblingsplatz im Englischen Garten führte. Jannis griff hastig nach Nelas Arm und bewahrte sie gerade noch vor dem Zusammenstoß mit einem Radler, der schimpfend davonkurvte. Nela stopfte ungerührt den Rest ihrer Waffel in den Mund. „Keine Ahnung, meine Mutter weiß noch nicht, ob sie weg kann, in der Agentur ist gerade so viel zu tun. Vielleicht fahren wir sogar erst in den Herbstferien weg. Und du?“

 

„Ich fahre im August mit Freddy für eine Woche in ein Fußballcamp. Und danach vielleicht mit meinen Eltern irgendwohin, aber genau wissen die es auch noch nicht, weil...“ Er unterbrach sich, sie hatten ihr Ziel erreicht.

 

Vorsichtig balancierten sie unter den tief hängenden Zweigen der Trauerweiden den schmalen Pfad entlang bis zu den großen Steinbrocken. Die Fläche bot gerade genug Platz für zwei. Nela warf ihren Schulranzen auf den Boden und begann, auf die Steinblöcke zu klettern, wobei sie sich die nackten Knie schürfte. Jannis stellte seine Schultasche auf einen trockenen Platz und folgte ihr.

 

„Rutsch mal!“, forderte er sie auf und ließ sich mit einem behaglichen Seufzer neben Nela plumpsen. Es war ein herrlicher Tag. Die riesigen, alten Bäume rauschten leise im Wind, die Geräusche der Stadt schienen aus weiter Ferne zu kommen. Jannis schaute sich um. Der Wasserfall rieselte über moosige Steinblöcke in einen kleinen See. „Wir waren lange nicht mehr hier. Sag mal, lagen die Steine schon immer dort?“

 

Nela spähte in die Richtung, in die Jannis mit seinem schokoeisverzierten Finger deutete. Tatsächlich, da hinten, nicht weit weg vom Ufer, bildete eine Ansammlung von Steinen eine kleine Insel. Nela stutzte. „Keine Ahnung, nee, die sind mir vorher nie aufgefallen.“ Sie reckte den Hals. „Guck doch mal, da schaut etwas Weißes raus!“ Sie erstarrte. „Hey, da bewegt sich etwas! Das ist ein Vogel, ein Schwan vielleicht. Ich glaube, der ist verletzt! Ich gehe nachschauen.“

 

Wenn es um Tiere ging, kannte Nelas Mitgefühl und ihre Begeisterung keine Grenzen. Immer wieder ging ihr Taschengeld für Medizin, Futter und Verbände für kranke und vernachlässigte Tiere drauf, die ihr über den Weg hinkten oder krochen und die sie zum Entsetzen ihrer Mutter nach Hause schleppte und versuchte, sie gesund zu pflegen. Am liebsten würde sie auf dem Land leben, auf einem Hof mit Pferden, vielen Hunden und Katzen. Wegen ihres chronischen Geldmangels hatte sie sich vorgenommen, im Herbst einen Babysitter-Kurs zu machen. Sie könnte bei Nachbarn und Bekannten auf deren kleine Kinder aufpassen und damit die Ebbe in ihrem Geldbeutel bekämpfen. Vielleicht dürfte sie sich dann endlich einen Hund kaufen, oder wenigstens eine Katze oder eine Rennmaus oder einen Fisch. Nela kletterte flink von ihrem Aussichtsplatz herunter und trabte zu dem kleinen See.

 

„Wir kommen vom Ufer aus nicht hin, wir müssen ins Wasser.“ Sie streifte ihre Sneaker ab, zog die Socken aus und begann, ins Wasser zu waten. Die hohen Bäume ringsum warfen lange Schatten über das Wasser. Trotz der juliheißen Luft war das Wasser eiskalt. Nela war beinahe um den Steinhaufen herum, als sie ein schwaches Fiepen hörte. Sie stieß einen erstaunten Schrei aus. „Jannis, komm schnell, es ist ein Vogel, es schaut ein Flügel raus. Es sieht aus, als wäre der Steinhaufen über ihm eingestürzt. Wir müssen ihm helfen, beeil dich!“

 

Jannis, der ihr gefolgt war, begann schleunigst, die Steine beiseite zu räumen. Ein Vogel mit weiß-flaumigem Gefieder blinzelte sie aus runden Augen an. „Das ist ein junger Vogel!“, rief Jannis. „Aber es ist kein Schwan, sonst wäre er grau und viel größer. Der Schnabel sieht aus wie der von einem Raubvogel.“

 

Nela spähte neugierig über Jannis Schulter. „Nimm mal deine Hand weg, ich kann nichts sehen! Blutet er? Wie kommt er bloß hierher?“ Sie war voller Mitleid für das hilflose Tier. Der Vogel piepste schwach und bewegte sich kaum merklich. Jannis strich ihm vorsichtig mit dem Finger über das Gefieder. „Ich glaube, der linke Flügel ist verletzt und wahrscheinlich braucht er Futter und Wasser.“ Nela sah ihn bewundernd an. Wie immer wusste er gleich, was das Wichtigste war.

 

Jannis kratzte sich am Kopf. „Hast du nicht schon einmal einen verletzten Vogel gesund gepflegt? Was machen wir mit ihm?“

 

Nela zog die Stirn kraus. „Nein, der Vogel war gegen unsere Fensterscheibe geflogen. Ich musste gar nichts weiter machen, ich habe ihn nur eine Weile in der Hand gehalten, dann ging es ihm wieder gut und er ist davongeflattert.“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ich hab´s! In der Königinstraße ist die Tierklinik der Universität. Da können wir hingehen, die wissen bestimmt, was man machen muss!“ Sie überlegte fieberhaft. „Wie sollen wir ihn transportieren, damit wir ihm nicht wehtun?“

 

„Kein Problem, wir legen ihn in meine Mütze, das wird gehen!“ Jannis hielt Nela sein Baseballcap hin. Vorsichtig setzte sie das Tier hinein. Er reichte ihr das provisorische Nest. „Hier, nimm du ihn, ich hole unsere Schulranzen.“

 

Sie platschten zurück ans Ufer und zogen, abwechselnd den verletzten Vogel haltend, Socken und Schuhe wieder an. Jannis spurtete zum Felsen und nahm die Schultaschen über die Schultern. Eilig gingen sie den kleinen Weg unter den Bäumen entlang und schlugen einen der Hauptwege in Richtung Parkausgang ein. Nela hatte ihre Jacke aus der Schultasche geholt und wickelte sie wie einen schützenden Kokon um die Mütze mit dem Vogel. Mit einem Ärmel deckte sie ihn zu.

 

Vor der Universitätsklinik blieben sie ratlos stehen. Es gab verschiedene Einfahrten und Tore, aber keine davon sah aus wie ein offizieller Eingang.

 

„Schau, dort in dem Glaskasten. Da sitzt ein Pförtner.“ Jannis zog Nela mit sich. Er baute sich vor dem Schalter auf und steckte vor Aufregung fast seinen Kopf durch die runde Öffnung. „Entschuldigung, wir haben einen verletzten Vogel gefunden, wer kann uns helfen?“

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis der uniformierte Mann mürrisch von seiner Zeitung aufsah. „Das ist eine Universitätsklinik. Ihr könnt hier nicht einfach mit eurem räudigen Viehzeug auftauchen. Verschwindet!“

 

Nela sah, wie Jannis vor Ärger rot anlief und etwas knurrte, das sich anhörte wie „...selber räudig!“ Nela stieß ihn an. „Komm, wir versuchen es da drüben, hinter dem Parkplatz gibt es vielleicht einen anderen Eingang.“

 

Grußlos drehten sie sich um und liefen über den kopfsteingepflasterten Parkplatz. Sie standen vor einer...