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Die Siegel Asinjas - Darya ye noor - Ozean des Lichts - Teil 1

von: Andi LaPatt

Franzius Verlag, 2016

ISBN: 9783945509678 , 537 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Mac OSX,Windows PC für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 4,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Die Siegel Asinjas - Darya ye noor - Ozean des Lichts - Teil 1


 

Kapitel 1: Der Stein


 

„Bei Vodanos Raben, Nyella, wo zum Henker bist du? Wie oft muss ich dich noch rufen?“ Meine Mutter brüllte durch das ganze Gehöft. Widerwillig erhob ich mich, verabschiedete mich von den kleinen Katzen, mit denen ich im Stroh gespielt hatte, und schlich mich aus der Scheune. Ich klopfte mir den Schmutz vom Kleid. Lautlos tigerte ich um den Kuhstall herum, rannte am Schweinestall vorbei und gab mich zu erkennen: „Ich komme gleich.“ Meine Mutter stand im Hauseingang, eine schmutzige Schürze umgebunden und sah mich aufgebracht an: „Du weißt genau, wie Vater reagiert, wenn ich dich so lange bitten muss. Musst du mir immer so viel Kummer machen? Bin ich nicht schon gestraft genug?“ Ihr Gesicht war voller Falten, verzogen von Kummer und Wut.

 

Es muss schwer gewesen sein, nach dem Tod meines Vaters, einen anderen Mann heiraten zu müssen, um sich und ihr Kind zu schützen. In unser altes Dorf konnten wir nicht zurückkehren, denn dort fürchteten sich die Leute vor meiner Mutter. Sie mussten wohl glauben, meine Mutter wäre eine Hexe. Die Färbung der Augen war so außergewöhnlich, so als wären sie nicht von dieser Welt. So, als wäre meine Mutter nicht von dieser Welt. Und genau das ging vielen durch den Kopf, als sie meiner Mutter begegneten. Der direkte Augenkontakt wurde gemieden, meine Mutter schließlich aus ihrer Mitte ausgeschlossen. Sie waren überzeugt davon gewesen, dass meine Mutter mitschuldig gewesen war am Tod meines Vaters.

 

Nun waren wir hier gelandet, auf dem Schierlingshof. Hier war ich die meiste Zeit allein, und das nagte an mir. Ich wäre am liebsten für immer weggelaufen, im Rucksack die kleinen Katzen aus der Scheune. Sogar in den Norden wäre ich geflohen, wenn es hätte sein müssen. Alles war besser, als hier zu sein.

 

Als ich schließlich in die alte Küche kam, saß Hangar am obersten Platz auf seinem Stuhl, breitbeinig, mit seinen schmutzigen Händen und dicken Armen auf dem Tisch. Er schlug mit der Faust auf das Holz und brüllte mich an: „Was hab ich für eine Familie geheiratet. Zwei Weiber, die zu faul sind, und die zu nichts zu gebrauchen sind. Nicht einmal zum Essen kannst du pünktlich erscheinen. Du bist ein Krüppel, den man bei der Geburt hätte ersäufen sollen. Wahrscheinlich kann ich dich nicht einmal den Wanderhuren verkaufen, so strohdumm, wie du bist!“

 

Ich zuckte zusammen und sah, wie meine Mutter beinahe die Schüssel fallengelassen hätte. Die Wanderhuren? Ich schluckte leer, entschuldigte mich und setzte mich artig an den Tisch. Ich wusste, dass ich nichts weiter sagen durfte, sonst würde er mich halb tot schlagen. Hangar grunzte zufrieden. Es schien ihn zu erheitern, mir Angst einzujagen. Es blieb meist nicht beim Angsteinjagen. Mein geschundener Körper wusste ein Lied von seiner Prügel zu singen, ganz zu schweigen von den nächtlichen Besuchen, die er mir abstattete. Er nahm sich, was er wollte, und er tat es grob und ohne jede Rücksicht. Ich hatte es aufgegeben, meine Mutter darum zu bitten, ihn nicht „Vater“ zu nennen. Er war nicht mein Vater. Mein Vater war tot.

 

Beim Faustschlag auf den Tisch war Hangar‘s Trinkhorn umgekippt. Mutter konnte den Met nicht schnell genug nachschenken, als Hangar schließlich explodierte. Er schrie in der Küche herum, warf den üppig gefüllten Teller an die Wand. Das Holz zerbarst und die Suppe ergoss sich über die Wand. Der Krach war ohrenbetäubend. Er sprang auf, warf den Stuhl um, wetterte weiter und warf sich auf meine Mutter. Mit einem Holzlöffel prügelte er auf sie ein und riss sie schließlich an den Haaren aus der Küche. Er schleifte sie ins Nebenzimmer, während sie versuchte, mit zappelnden Füssen mitzuhalten. Sie bemühte sich, jeden Laut zu unterdrücken. Wir beide wussten, wie sehr ihn das noch mehr in Rage bringen würde. Ich saß zitternd am Tisch und musste zuhören, wie sich die Schläge anhörten, die Hangar meiner Mutter verpasste. Dumpfe Schläge, ein schreiender, tobender, wütender Hangar und das Wimmern meiner Mutter. Nur zu gut wusste ich, wie sich die Schreie dahinter anfühlen musste, die sie nicht schreien durfte, wenn sie nicht wollte, dass er sie zu Tode prügelte.

 

Bis in die Küche konnte ich Hangar brüllen hören: „Du nichtsnutziges Weib. Ein solches Balg kannst du austragen, aber meine Kinder gebärst du nicht. Ich will dir zeigen, wer hier der Herr im Haus ist. Ich werde dich so lange schwängern, bis du mir endlich einen Sohn gebärst.“ Damit knallte er die Tür so laut zu, dass das ganze Haus erzitterte. Ich hörte das Poltern und die Schreie meiner Mutter, wie sie ihn anbettelte, er möge aufhören. Er aber schrie weiter, meine Mutter weinte, während bald darauf ein gleichschlagendes Geräusch zu vernehmen war aus dem Nebenzimmer, bis Hangar schließlich wie ein Berserker aufstöhnte. Dann wurde es still. Als die Türe wenig später wieder aufging, sah ich, wie Hangar den Rest seines Hemdes in die Hose stopfte und den Hosenbund wieder verschloss. Blut klebte an dieser Stelle, und ich sah seine triumphierende Miene. Genüsslich strich er sich mit dem rechten Arm über die Oberlippe und herrschte mich an: „Euch Weiber kann man nur für eines gebrauchen. Du bist nicht besser als deine Mutter. Dir werde ich auch noch beibringen, was es heißt, zu gehorchen. Wenn deine Alte die Kinder nicht gebären will, wirst du es tun.“ Daraufhin setzte er sich wieder an den Tisch, nahm die Schüssel meiner Mutter, schöpfte sich neue Suppe und aß laut schmatzend, während er mich lüstern ansah. Gleich darauf polterte er mit seiner Hand wieder auf den Tisch und herrschte mich an, zu essen: „Iss, ich will keine dünnen Weiber!“ Ich hatte Angst, mich übergeben zu müssen, aber ich aß, wie Hangar mich geheißen hatte. Die Suppe in meiner Schale war längst kalt geworden. Jeder Bissen drohte, wieder hochzukommen, aber mit aller Kraft würgte ich das Essen hinunter.

 

Hangar streckte sich, gähnte und erhob seinen dicklichen Körper. Er kümmerte sich nicht um meine Mutter, als er am Wohnzimmer vorbei ging. Kein Blick für meine Mutter, kein Wort, gar nichts. Plötzlich hielt er inne und machte kehrt. Noch bevor ich begriff, was geschah, stand er vor dem Küchentisch und zog mich an den Haaren. „Es geht niemanden etwas an, was auf diesem Hof passiert, hast du verstanden?“, flüsterte er und festigte seinen Griff um das Haarbüschel. Ich schluckte leer und nickte langsam. Voller Verachtung blickte er mich an und ließ meine Haare los. Ich wandte den Blick ab, und Hangar lachte leise. Dann schlenderte er hinaus zum Pferdestall, und ich hörte, wie er das Pferdegeschirr bereitlegte. Erst als ich mir sicher war, dass er seinen Hengst sattelte, huschte ich verängstigt ins Wohnzimmer. Wie ich im Türrahmen stand, sah ich meine Mutter auf dem Tisch liegen, fast bewegungsunfähig, gezeichnet von Schmerz und Demütigung. Obwohl sie versuchte, sich mit dem Kleid und der Schürze zu bedecken, war überall Blut. „Nein, Nyella, geh‘ wieder raus, es ist nichts. Es wird schon wieder gut, ich bin nur… gestürzt.“ Ihre Stimme war belegt, versagte fast. Sie bedeckte ihr Gesicht mit der rechten Hand und hielt sich die linke Hand verkrampft gegen den Unterleib. „Kann ich dir helfen?“, fragte ich unbeholfen.

 

„Es geht schon“, meinte sie zu mir. Sie blickte verlegen zu Boden, als ich mich ihr langsam näherte. „Wir hätten Hangar nicht reizen sollen, Liebes“, flüsterte sie und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Es hätte noch schlimmer kommen können, das wussten wir beide. Schließlich wollte uns niemand mehr. Ich spürte, wie sich das Essen vom Mittag bemerkbar machte. Ich versuchte es wieder hinunterzuschlucken, aber ich kam nicht dagegen an. Ich würgte das ganze Essen hoch und erbrach mich direkt auf den blutverschmierten Rock meiner Mutter. Sie blieb ruhig und streichelte meinen Hinterkopf. Wir schwiegen lauter als Hangar’s Gebrüll.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit erhob sich meine Mutter. „Hilfst du mir mit der Küche? Ich möchte mich kurz umziehen. Bist du so lieb?“ Ich nickte nur, denn ich verstand plötzlich, warum sich meine Mutter so verändert hatte. Er konnte sie körperlich schänden. Aber sie entzog ihm seine Seele und ihr Herz genauso. Ich begriff, dass meine Mutter jede Nacht im Traum zu meinem Vater zurückkehrte, um sich dort in seinen Armen schlafen zu legen.

 

Es war die Zeit, die vor uns lag, die mir große Angst machte, nicht das, was hinter uns lag. Was würde die Zukunft bringen? Konnte Hangar sich noch mehr einfallen lassen, uns zu demütigen und zu verletzen? Wäre es nicht klüger, auf der Stelle zu sterben, als noch lange Zeit zu leiden? Die Aussichtslosigkeit schnürte mir die Kehle zu.

 

Ich machte mich an den Abwasch. Es waren nur wenige Töpfe und Schüsseln übrig geblieben. Wir hatten immer einen Bottich voller Wasser in der Küche. Am Rande des Waldes, der noch zum Schierlingshof gehörte, gab es eine Wasserquelle, aus der wir jeden Tag frisches Wasser holten. Völlig vertieft trocknete ich die Schüsseln ab, hängte die Kellen wieder an das Wandgerüst und deckte die Suppe mit dem alten, verbeulten Deckel zu. Dann drehte ich mich um und sah das Desaster, das Hangar angerichtet hatte. Gemüsereste klebten an der Wand und am Boden. Die Flüssigkeit war hinuntergetropft und hatte sich in einer bräunlichen Lache am Boden gesammelt. Dazwischen Holzsplitter und Teile von der zerschlagenen Holzschüssel. Ich nahm einen alten Topf und machte mich daran, die Holzsplitter einzusammeln. Danach klaubte ich die Gemüsereste von der Wand. Ich holte einen Lappen und reinigte den Boden. Es dauerte eine Weile, bis Mutter in die Küche zurückkehrte. Sie hatte ein neues Kleid...