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Sand in ihren Schuhen

von: Petra Liermann

Franzius Verlag, 2015

ISBN: 9783945509296 , 430 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Mac OSX,Windows PC für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 4,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Sand in ihren Schuhen


 

I


 

Auch wenn mein Leben sehr konservativ und geordnet anfing und die zu erwartende Entwicklung offensichtlich wenig aufregend zu sein schien, wurde es doch eine Geschichte, die für jeden etwas dabei hat: Romantik, Spannung und fremde Kulturen. Aber auch in Bezug auf Spiritualität gibt es einige interessante Entwicklungen, die wohl bis zu meinem 25. Lebensjahr niemand von mir erwartet hätte.

 

Wie erwähnt begann mein Leben in einer gut bürgerlichen, der Mittelschicht angehörenden Familie, bestehend aus Vater – Mutter – Kind. Meine Eltern sparten fleißig für den jährlichen Urlaub im Schnee und den Sommerurlaub im netten Vier-Sterne-Hotel auf den Kanaren. Nebenbei gab es die Haushaltskasse, ein Sparbuch und alle fünf Jahre ein neues Auto. Als echte Flüchtlingskinder, die unter den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs gelitten hatten, waren meine Eltern sehr bedacht auf finanzielle Sicherheiten. Aber auch ein angepasstes Benehmen, mit dem man in der Umgebung nicht auffiel und das Streben nach Zugehörigkeit zur „besseren Gesellschaft“ prägten meine Erziehung. Dementsprechend waren gute Noten in der Schule ein Thema, über das man erst gar nicht diskutieren brauchte. Selbstverständlich war das Kind eine gute Schülerin und konnte sich schon mit sechs Jahren in einem Fünf-Sterne-Hotel im Sauerland benehmen. Während andere Kinder noch mit den Fingern in ihrem Kartoffelbrei herum wühlten, wusste ich, dass man das Besteck von Außen nach Innen benutzt und fand es wenig komisch, dass für ein Essen drei Gläser und acht Besteckteile ausgelegt wurden.

 

Meine Mutter fand ich schön, ihre Schuhe probierte ich heimlich an und ihre wöchentlichen Pflegemaßnahmen betrachtete ich mit Interesse. Leider teilte ich ihren Geschmack bei Kleidung nicht und so war das Einkaufen ein Gräuel für mich. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Zeit, in der lange Haare und eine Vanilla-Hose oder der Stufenrock total „In“ waren und ich kurzhaarig und Tränen überströmt aus einem Kaufhaus kam, weil ich eine braune Cordhose mit passender Weste und ein braun kariertes Hemd mit einem Schnürsenkel um den Kragen bekommen hatte. Bis heute ist mir die Farbe Braun bei Kleidung verhasst. Meine Mutter zog mich nach ihren Maßstäben schick und vorteilhaft an. Denn so lange ich mich erinnern kann, hatte ich ja nie eine Standardgröße. Zum Leid meiner Eltern war der Babyspeck nicht mit zwölf Jahren verschwunden, sondern blieb in Form von drei bis vier Kilogramm Übergewicht an meinen Hüften kleben. Da dies nicht der perfekten Tochter entsprach und das Schönheitsideal weitestgehend erreicht werden sollte, kannte ich in jungen Jahren nicht nur die 600 Kalorien-Abnehm-Kur im Schwarzwald, sondern auch die Brigitte Diät für zu Hause. Ein Grund, warum ich diese Zeitung bis heute sehr vorsichtig in die Hand nehme. Leider waren Diätkuren Anfang der 80er Jahre noch nicht sehr weit fortgeschritten, sodass wir in einem netten Hotel in Bad Steben saßen, tolles Essen serviert wurde, bei dem das Fleisch in cremigen Soßen nur so schwamm und mein Teller eben dieses Essen in Miniaturausgabe enthielt. Ich hatte ständig Hunger. Auch Massagen wurden mir für den Rest meines Lebens verdorben. Zwar erzählte man mir, dass ich besonders empfindlich sei und die blauen Flecken nach ein paar Tagen schon weggehen würden, aber glauben konnte ich das nicht wirklich. Auch wenn diese Maßnahmen zeitweise von Erfolg gekrönt schienen, hatte mein Körper sein natürliches Wohlfühlgewicht scheinbar anderswo. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die es nie aufgab, mir vor Augen zu führen, welch hübsches Mädchen ich hätte sein können.

 

Da ich natürlich früh eingeschult worden war, hatte ich die Rolle des Klassenkükens inne und gelangte so naturgemäß auch später in die Pubertät als meine Mitschüler. Da körperliche Nähe für mich ein Mysterium war, hörte ich meinen Klassenkameradinnen bei den Erzählungen über ihre ersten Erfahrungen mit Jungen sehr interessiert zu. Über mehr als eine Kleinmädchenschwärmerei ging es bei mir jedoch nicht hinaus. Die waren zwar dauerhaft und
intensiv, brachten aber nichts. Bis heute kenne ich noch das Autokennzeichen dieses tollen Jungen aus der 12. Klasse, wegen dem ich Stunden in der Kälte zubrachte, nur um ihn einmal zu sehen. Während bei unserer ersten Klassenfahrt mit Übernachtung in Südtirol die meisten abends knutschend in der Ecke lagen, sah ich diesem Schauspiel fasziniert zu und wurde so als idealer Kummer-kasten sowohl für den weiblichen wie auch den männlichen Part einer Beziehung auserkoren. Auch meine Aufklärung erhielt ich auf diesem Weg. Denn solch intime Details wären zu Hause niemals Thema gewesen. So hielt mich meine Angst vor einer Schwangerschaft selbst vom Küssen ab. Denn wer weiß, was da alles so passieren konnte.

 

Während ich mich also Lernen, Diäten, dem Orgelspielen (mein heiß ersehntes Klavier hätte die Nachbarn verärgern können) und freundschaftlichen Treffen mit Schulkolleginnen widmete, tobte das Liebesleben bei den anderen. Doch keiner hatte die Tanzschule einkalkuliert. Dieser Sündenpfuhl brachte mich zum Leidwesen meiner Eltern doch noch vom rechten Weg ab. Denn hier lernte man nicht nur Tanzen. Sicher, wir tanzten Partyfox bis die Sohlen qualmten, aber viel wichtiger war der Klammerblues. Und um hier einen tollen Partner abzubekommen, rasten wir jedes mal vor dem Tanzcafé schnell auf die Damentoilette und packten unser Schminkzeug aus. Kajal, Wimperntusche, Rouge und Lidschatten waren Allgemeingut und hätten meine Eltern mich jemals so gesehen, hätte ich das Haus bestimmt nie wieder verlassen.

 

Da ich schon immer einen Hang zu Machotypen ohne vorhandenes Gefühlsleben hatte, versuchte ich mich mit 15 auch beim Tanzen an solchen. Und war verwundert, als ich plötzlich bei einem echt süßen Softie landete, der mir endlich die ersehnte Frage stellte, ob ich vielleicht „mit ihm gehen“ wolle. Da weit und breit und seit geraumer Zeit kein anderer Junge in Reichweite gewesen war, dachte ich mir, dass ich das doch einfach mal versuchen könnte. Christian war wirklich niedlich. Und schüchtern. Was mir mit meinen nur aus Erzählungen vorhandenen Erfahrungen sehr entgegen kam. Meistens hielten wir Händchen, aber das sehr gerne. Und wir trafen uns oft und freuten uns immer mehr darauf.

 

Während Christian Sohn einer alleinerziehenden Mutter war, die tagsüber arbeiten ging und ihrem Kind alle Freiheiten ließ, traute ich mich bei meinen Eltern nicht wirklich, von meinem neuen Freund zu berichten. Aber irgendwann wollte ich auch stolz sein und die Heimlichkeiten beenden. Das Donnerwetter zu Hause war bestimmt noch in Afrika zu hören. Zu jung, was sollen die Nachbarn denken, vielleicht mal mit 18, der schlechte Umgang in der Schule ist schuld, nie wieder Tanzschule, Hausarrest bis zur Rente und ähnliche Dinge wurden mir um die Ohren gepfeffert. So lernte ich schnell, dass Verheimlichen und Verschweigen ein guter Weg waren. Fortan trafen wir uns in der Stadt, bei Christian oder in der Tanzschule. Wenigstens konnte so nicht viel passieren. Eigentlich war dieser Junge ein echter Traumfreund. Als ich in den Ferien in ein Kloster nach Meschede fuhr, packte ihn die Sehnsucht und er besuchte mich. Sein gesamtes Taschengeld war für die Zugfahrt draufgegangen, aber es hatte sich gelohnt. Wenn da nicht ein Machotyp gewesen wäre, der im Stall arbeitete. Den wollte ich viel lieber. Das zwar nur zeitweise, aber der Fehler war passiert.

 

Im zarten Alter von 16 lernte ich, dass ältere Jungs höhere Ansprüche an Beziehungen in Form von körperlichem Kontakt stellten und dass man eben in den sauren Apfel beißen muss, wenn man so jemanden will. Eigentlich ein System, das ich gut kannte, denn wer gute Noten nach Hause bringt, sich zu benehmen weiß und den Vorgaben entspricht, wird mit Stolz und Liebe belohnt. So schien es auch in Beziehungen zu sein. Also übertrug ich dies auf den Macho. Der nach seinem Erlebnis eigentlich nichts mehr von mir wollte, da er ja eine Freundin hatte. Doch als Idealistin und Optimistin, die ich schon immer war, beendete ich bei meinem Nachhause-Kommen mal eben die Beziehung zu Christian. Bis heute tut mir das leid. Nicht nur, weil ich eigentlich nur in Christian verschossen war, sondern auch, weil dieser danach in ein wirkliches Loch fiel, seinen Körper mit Piercings und Tattoos versah und mit dem Abschaum unserer Stadt bei einem Joint eine Flasche Schnaps im Park leerte.

 

Nach diesem einschneidenden Erlebnis wurde es ruhig in meinem Liebesleben. Die Jungs, die ich toll fand, guckten mich nicht an, die, die mich toll fanden, fand ich total langweilig. Eigentlich hatte ich Glück, dass es nur bei dem einen dramatischen Erlebnis blieb, das ich mit 17 erlebte, als ich mich in einen 23jährigen verliebte, der so gar nicht meine Kragenweite hatte. Schon immer sehr offen für Neues, mit einer großen Klappe und einem Naturtalent im Flirten hatte ich Holger so weit gereizt, bis ich mich auf einmal spät abends in seinem Manta auf einem einsamen Parkplatz wiederfand. Eigentlich wollte ich das nicht, aber meine große Klappe hatte mich dahin gebracht und ein Rückzieher kam für mich ja nun gar nicht in Frage.

 

Also stand ich mein „erstes Mal“ durch und fragte mich nicht nur, was alle so toll daran fänden, sondern am nächsten Tag auch, wie es mir passieren konnte, dass ich in der Notfallambulanz im Krankenhaus saß, um die „Pille danach“ zu bekommen. Mit 17 ist das gar nicht so einfach. Nachdem ich einem Arzt mein Dilemma geschildert hatte, holte der den nächsten, der sich alles genauestens schildern ließ, um dann wiederum einen Kollegen dazu zu bitten. Am Ende musste ich noch eine Apotheke mit Notdienst finden, die mir mein...